Nach Noten oder nach GeHör?

Hier kommt jetzt ein längerer Text, der meine Sichtweise zu den beiden existierenden Musikwelten, spielen nach Noten und spielen nach Gehör beschreibt.

Es ist mein Erfahrungsbericht aus 37 Jahren Musikmachen und es ist mir bewusst, dass die eine extreme Seite meistens die andere extreme Seite nicht versteht, wie es wohl in allen Lebensbereichen so ist. Auch gibt es natürlich Mischformen, was vielleicht die beste Lösung ist.


Nimm dir Zeit, hier gehts los:

Meinen ersten Gitarrenunterricht habe ich nach ca. 9 Stunden abgebrochen, weil der Lehrer mir sagte, dass das, was ich spielte sich zwar schön anhört aber nicht genau dem entsprach, was da auf dem Papier stand.

Dass dieser Vorfall zu meinem gesamten Lebenscredo wurde, was Musik aber auch das allgemeine Leben angeht, wurde mir erst viel später klar.

Es gibt viel Wege zum Ziel, nicht nur den, den dir irgendwer vorgibt. Finde deinen eigenen Weg!


Bevor ich zu philosophisch werde, beziehe ich jetzt alles weitere nur auf das Musizieren und das Erlernen von Musikmachen.


Eine kleine Geschichte:

Ein später sehr berühmter Gitarrist, nennen wir ihn Jimi, traf sich nach vorheriger ausgiebiger Kneipentour mit einigen Mitmusikern im Aufnahmestudio.

Man nahm etliche Versionen eines auf Improvisation basierenden Stückes auf. Eine Version davon wurde dann veröffentlicht und weltberühmt.

45 Jahre lang versuchten Millionen Gitarristen, diese Version in all ihren zufällig entstandenen Details exakt bis ins Kleinste zu kopieren. Ich sage bewusst “versuchten”, die wenigsten bekommen es hin. Ich auch nicht! 

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Ich sehe immer wieder Musiker, die detailgenau ein Stück spielen, auswendig gelernt und durch tausendfache Wiederholung im besten Fall auch noch fließend und im Groove. Und dann seh ich sie irgendwann wieder und höre die selben wenigen Stücke, die sie “draufhaben”.

Es gibt diese Hirnakrobaten (gehör ich leider überhaupt nicht dazu), die können sich wahnsinnig viele Details merken. Die können ein Stück erlernen, ohne eigentlich tatsächlich musikalische Zusammenhänge zu verstehen. Das sind die, die jedes Mal robotermäßig exakt gleich spielen. Das sind die, die in einem Orchester spielen können. Das sind die, die nach Handbuch musizieren (z.B. Notenspieler), fies gesagt: Das sind die Beamten unter den Musikern ;-) Was wäre Deutschland ohne die ordnende Hand seiner Beamten.


Diese Art des Musizieren und des Erlernens eines Instrumentes lag mir nie. Respekt vor deren Gehirn! 

Ich musste es mit Gefühl und dem Verstehen der Zusammenhänge hinbekommen. Viele kleine Details ohne erkennbaren Zusammenhang überfordern mein Gehirn. Ich brauch Zusammenhänge, und dann kommen auch die Details, vielleicht nicht ganz 100 Prozent original und jedes Mal ein wenig anders aber ich will ja auch kein Roboter sein, sondern Musik jedes Mal ein Stück weit verändern und über die Zeit immer komplexer und schöner gestalten.

Ein Musikstück hat ein Grundgerüst und innerhalb dieser Basis kann es jeweils neu gestaltet werden. Wie langweilig ist dagegen, es immer gleich zu spielen. Es sei denn. man ist unglücklicherweise Mitglied in einem klassischen Orchester, mit einem Dirigenten, der es dir sehr übel nimmt, wenn du einen Ton anders spielst, als das es im Handbuch (Noten) steht.


Also halten wir fest. Es gibt zwei Musik-Welten: 

—> Die Notisten, die exakt auf Grund hoher intellektueller Leistung Musikstücke immer wieder gleich spielen können (ja ein bisschen Variabilität im Ausdruck ist auch da erlaubt).

—> Die Improvisierer, die auf Grund von Verstehen der musikalischen Zusammenhänge und Einsatz von mehr Gehör/Gefühl und weniger Intellekt ein Musikstück jedes Mal ein wenig anders spielen. Weiß ich denn noch, wie ich es letztes Mal gespielt habe ;-)


Natürlich gibt es auch weniger extreme Mischformen.

Aber, wie schrieb Sting in seiner Biographie “Broken Music”: Er kenne nur wenige Musiker, die nach 10 Jahren intensiven Notenstudiums gute Musik machen können (aus dem Gedächtnis zitiert).

Jeder kennt das Phänomen, speziell bei Klavierspielern, wenn man sie fragt: Spiel mal was! Ohne Noten geht da nichts, außer vielleicht dem unsäglichen Entertainer oder “Für Elise”. Das heißt, es ist nichts verinnerlicht, höchsten etwas auswendig gelernt worden, und wenn dann von den Noten abgespielt wird, klingt es meistens recht emotionsarm, sehr technisch und wenig fließend (groovy).


Oder eine andere erlebte Situation:

Eine Coverband sucht einen Keyboarder und fragt einen studierten Musiklehrer (Klavier), einfach mal mitzuspielen. Man gab ihm die Akkorde, nach denen die Band spielte. Aber die Akkordnamen sind keine Noten. Er wusste nicht, welche Umkehrung am besten passt, welchen Rhythmus, welchen Basslauf, welche Melodie, geschweige  wie man ein kleines Solo improvisieren kann. Kreativität bekommt man nicht vom Notenlesen! Totalausfall !


Oder eine studierte Orchester-Klarinettisten, deren Mann Jazz-Pianist ist.

Sie erzählte mir, dass sie gelegentlich als Jazz-Duo zusammen auftreten, ihr Mann aber alles exakt für sie aufschreiben muss, da sie keinerlei Vermögen hat, etwas nach eigenem Gefühl zu spielen. Original Zitat: Da müsste man ja so Licks üben. 

Ihr Mann zumindest ist so eine seltene Mischform, der in beiden Welten leben kann. Aber wie traurig ist das, für die studierte Orchestermusikerin? Witzigerweise gar nicht, weil sie dieses Gefühl von improvisierter, gefühlter Musik gar nicht kennt. Sie meinte, dass sie diese wunderschönen komplexen notierten Melodien doch nie alleine aus ihrem Gefühl hinbekommen könnte. Ich fürchte, so denken viele “Notisten”. 

Wie sagte ein Kollege: Spielen nach Noten ist so ein bisschen wie Malen nach Zahlen. Wie passend. 


Hartes Arbeiten ?:

Zu meiner Zeit, als ich noch in England bei einer großen amerikanischen Firma arbeitete, bemerkte ich um 2005/6 in der BA Lounge einen britischen Gentleman mit einem anderen Herrn über Musik reden zum Thema; wie man Musik den Menschen nahebringt. Damals plante ich gerade meine neue Karriere als Musiklehrer und wollte mal seine Meinung hören. Nachträglich ergoogelte ich seinen Namen und fand raus,  dass er der damalige Chefdirigent des London Symphony Orchestras, Sir Colin Davis, war. (http://de.wikipedia.org/wiki/Colin_Davis)

Ich hätte ihn sicherlich nicht angesprochen, hätte ich es vorher gewusst, aber er saß fast direkt neben mir, wir hatten Zeit und ich wusste nicht, dass er quasi der genaue Gegenpol zu meiner Auffassung von Musik ist. Er vertrat die klassische Musik, die harte und konzentrierte Arbeit erfordert, und er war natürlich nur allerhöchstes Niveau gewohnt. Wer bei ihm vorspielte, hatte die Chance auf eine Karriere in einem der bekanntesten Orchester der Welt. Da war für Gefühl und eigene Ideen überhaupt kein Platz. 

Und dann erzählte ich ihm von meiner Welt der Musik und wie ich es vorhatte, Menschen an die Musik zu bringen. Meine Methode war definitiv nicht das, was er vertreten oder verstehen wollte. Er war für einen englischen Gentlemen geradezu angewidert (natürlich sehr diskret) und nach kaum fünfzehn Minuten (er hatte den größeren Redeanteil) täuschte er eine leichte Erkältung (hüstel hüstel) vor, was mich erkennen ließ, dass er das Gespräch beenden will.


Also es gibt zwei extreme Welten, die eine versteht die andere nicht, aber sicherlich haben beide ihre Berechtigung.

Ich vertrete allerdings die weniger intellektuelle, weniger anstrengende, weniger ernste, gefühlsbetontere und freie Improvisationswelt der Musik, weil Musik für mich Ausdruck von Gefühl und nicht intellekt-gesteuerte exakte Wiedergabe der Musik eines anderen ist. Damit taugt mein Ansatz natürlich nicht die Bohne für das Spiel in einem klassischen Orchester. Aber wieviel Menschen wollen das?


Ich bin auch der festen Überzeugung, dass ein erwachsener Mensch und selbst ein Teenager nicht mehr die Geduld aufbringt, Klavier komplett nur nach Noten zu erlernen. Es sei denn er/sie ist zufrieden, selbst nach ein paar Jahren, nur ein paar Stücke mehr radebrechend auswendig bzw. mit Notenblatterinnerung zu spielen.


Was bedeutet Klavier spielen nach Noten?

Klavier nach Noten bedeutet nicht nur eine einzelne Melodielinie (so wie es bei allen anderen Melodie-Instrumenten ausreicht) intellektuell zu verarbeiten, sondern, Stapel an Noten (dahinter verstecken sich die Akkorde) plus eine zweite Basslinie (oder mehrere!), die zu allen Überfluss noch anders zu deuten sind, gehirntechnisch zu verdrexeln und dabei soll dann noch Musik entstehen.

Der normal-sterbliche Notist ist also dermaßen mit der Gehirnverarbeitung beschäftigt, gibt detaillierte Befehle an seine Finger, dass der musikalische Ausdruck in der Regel auf der Strecke bleibt, geschweige, dass er versteht, was er da tut. Irgendwann kann das Gehirn dann wenigstens dem eigenen Gespiele zuhören und es toll finden, was da herauskommt.

Dabei wird der Fokus bei Noten auf Details gelenkt und in der Regel der Gesamtzusammenhang des Musikstückes, die Struktur, die Akkorde überhaupt nicht erkannt. Meiner Meinung nach ist diese Lernmethode nicht gehirngerecht. Ähnlich einem Projektplan in meinem früheren Arbeitsleben möchte ich erst mal eine Zusammenfassung, eine grobe Beschreibung der Idee haben, diese verstehen/umsetzen und dann an die Details gehen. Der Ablauf der Akkorde, die darin enthaltenen Basslinien, geben so einen Rahmen, so dass die Melodie nur noch eingebettet werden muss. Auch ein Bach hat seine Kompositionen hinter Akkorden versteckt. Hat man die mühsam rausgeschrieben, kann man wunderbar darauf improvisieren und es klingt nach Bach. Wer sagt denn, dass Bach und Co. ihre Kompositionen nicht ähnlich wie dieser Jimi erstellt haben? Die eine detaillierte Version, die aufgeschrieben wurde, wird dann seit hunderten Jahren immer genau gleich wiedergegeben. Für die exakte Wiedergabe muss man nicht verstehen, was der Komponist für eine Idee hatte, nur sehr viel Konzentration und üben, üben, üben.      

Ich hab mal klassische Musik auf der Gitarre nach Tabulatur (ähnlich Noten aber 10000 mal schneller und einfacher zu lernen) gespielt und fand es toll, was da als Resultat herauskommt. Aber ich war immer unzufrieden, weil ich es nicht verstanden hatte und die Vielzahl an scheinbar unzusammenhängenden Details es schwer machten, es auswendig zu spielen. Was dem Verständnis natürlich auch nicht hilft.


to be continued ...

© AndREaS Lederer 2015